Wenn Regisseur und Autor den Olymp beherrschen
TROJA-Rezension von Stefan Servos
"...und schändlichen Frevel ersann er dem göttlichen
Hektor.
Beiden Füßen nunmehr durchbohret' er hinten die Sehnen,
Zwischen Knöchel und Fers', und durchzog sie mit Riemen von Stierhaut
Band am Sessel sie fest, und ließ nachschleppen die Scheitel;
Trat dann selber hinein, und erhob die prangende Rüstung;
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse."
-- Illias, 22. Gesang, Vers 395-400
Wenn Regisseur Wolfgang Petersen die Götter vom Olymp stößt und selbst das
Schicksal von Troja besiegelt, dann erweckt er die klassischen Sandalenfilme zu
neuem Leben und zollt ihnen seinen Respekt. Wie in den
glanzvollen Monumentalfilmzeiten von Elizabeth Taylor (CLEOPATRA) oder Charlton
Heston (BEN HUR) steckt Wolfgang Petersen die größten Stars von Hollywood in
historisch Kostüme, stampft gigantische Filmkulissen aus dem Boden und läßt
Hobbyphilologenträume wahr werden. Schon bevor die erste Klappe zu TROJA fiel,
erklärte Petersen in einem Interview, dass er die alte Sage im Stile eines
LAWRENCE VON ARABIEN verfilmen wolle. Seine Verfilmung des trojanischen Krieges
ist eine Verbeugung vor den alten Filmklassikern geworden. Das dabei
Leinwandlegenden wie Peter O’Toole (LARWENCE VON ARABIEN) und Julie Christie
(DOKTOR SCHIWAGO) den jungen Helden mit elterlichem Rat zur Seit stehen ist kein
Zufall, sondern Petersens persönliche Huldigung des großen Hollywoodkinos.
Doch das gewaltige Unterfangen des gebürtigen Emdeners ist ein
zweischneidiges Schwert, denn im gleichen Maße wie TROJA die alten Klassiker
betätigt, so sehr bedient er sich auch ihrer Dramaturgie und Schwere. Dies
wirkt in Zeiten von Manga und MTV, auf viele Zuschauer befremdlich und
gewöhnungsbedürftig. Bleibt die Frage, für wenn Petersen den Film eigentlich
gemacht hat?
Altphilologen werden vermutlich fassungslos im Kinosessel sitzen, wenn der
gehörnte Menelaos (Brendan Gleeson) in der ersten Hälfte des Films von
Troja-Prinz Hektor (Eric Bana) erstochen wird. Dass Drehbuchautor David Benioff
und Petersen die klassische Vorlage frei verändert und vielen Charakteren ein
ganz neues Schicksal zugedacht haben, bietet alteingesessenen Troja-Veteranen
natürlich eine willkommene Angriffsfläche. Dabei tun es Benioff und Petersen
damit nicht nur den alten Filmklassikern gleich, sondern stehen sogar in
allerbester Tradition mit Homer, Vergil, Herodot und Ovid, denn die Idee, dass
eine kulturelle Schöpfung nicht abgeleitet werden darf ist noch relativ jung.
Tatsächlich war die Ilias, die wir heute kennen, einem ständigen
Wandlungsprozeß unterworfen und kann in keinster Weise als wahr oder gar
historisch betrachtet werden.
Und die Drehbuch-Umsetzung von Benioff sucht ihresgleichen. Es gelingt dem
jungen New Yorker Nachwuchsautor doch tatsächlich, die komplizierten
Zusammenhänge der Geschichte mit gezielten Szenen und Dialogen gekonnt auf den
Punkt zu bringen. Dabei reduziert Benioff die Charaktere nicht auf Gut-Böse-Klischees,
sondern formt die Halbgötter zu Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen.
Allen voran brilliert Eric Bana als trojanischer Prinz Hektor in der
tragischen Menschenrolle. Der heldenhafte Aspekt kommt in diesem Fall nicht
durch Kampfeskunst, sondern durch seine Position als liebender Ehemann, Bruder
und Sohn zum Ausdruck. Ihm entgegengesetzt dominiert Brad Pitt als Achilles die
Leinwand, der förmlich mit seinem Panzer verschmolzen zu sein scheint. Man
möchte fast glauben der Göttersohn selbst sei aus Hades‘ Unterwelt
zurückgekehrt. Dass diese beiden Mimen in ihrem Spiel von der halben britischen
Schauspielelite (Brendan Gleeson, Brian Cox, James Cosmo, usw...) unterstützt
werden, kommt dem Film einmal mehr zu Gute. Besonders Sean Bean schreit als
weiser Odysseus geradezu nach seiner eigenen Homer-Verfilmung (ob dies ohne
Magie und Götter überhaupt möglich ist, soll an dieser Stelle unbeantwortet
bleiben).
Einzig Diane Krüger erweist sich in der Rolle der schönen Helena als
komplette Fehlbesetzung (sorry, Diane!). Ihre Szenen wirken oft unbeholfen und
ihre Helena erinnert zu oft an die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule:
engagiert, aber plump. Dass sie damit Nachwuchsstar Orlando Bloom als Paris
ebenfalls blaß aussehen läßt, war sicherlich keine Absicht, hätte Wolfgang
Petersen aber ab dem ersten Drehtag auffallen müssen! Denn kaum tritt Paris
allein auf den Plan, zeigt Bloom, dass mehr in ihm steckt als nur ein
Stichwortgeber für die schönste Frau von Griechenland.
Das größte dramaturgische Manko des Films hat mit der vermeintlich
naheliegenden Entscheidung zu tun, die 10jährigen Geschichte des Krieges auf 14
Tage zu reduzieren. Hatte man bei Klassikern wie LAWRENCE VON ARABIEN nach drei
Stunden das Gefühl ein ganzes Menschenleben gesehen zu haben, so wird man nach
TROJA das Gefühl nicht los, irgendwie abgefertigt worden zu sein. Der epische
Krieg wird zum Blitzkrieg, große Liebschaften zum One-Night-Stand.
Doch die Bilder wiegen dies Manko wieder auf. Beeindruckende Computereffekte
und tolle Schlachtenchoreographien fesseln die Zuschauer an den Kinositz. In
Zusammenarbeit mit Kameramann Roger Pratt (12 MONKEYS) verleiht der Regisseur
dem antiken Griechenland eine archaische Atmosphäre. Zum Glück treten weder
moderne ERSTE RITTER, noch ein durchgestylter GLADIATOR auf. So wirkt das
antiquierte, europäische Moment paradoxerweise erfrischend. Dies gipfelt im
atemberaubenden Zweikampf von Achilles und Hektor, der ganz ohne Schnickschnack
wie eine bombastische Musik auskommt, und einfach nur durch die Choreographie zu
beeindrucken weiß.
Wenn Odysseus im Epilog erzählt, dass er an der Seite von Giganten gewandelt
ist, dann hat man das Gefühl ihn dabei ein Stück begleitet zu haben. Aber
letztendlich ist TROJA wie seine Helden: sehr eindrucksvoll, aber noch lange
nicht perfekt.
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